Geschichte des Recklinghäuser Rathauses

Zeichen seiner Zeit 

Bild vom RathausDer Betrachter schaut seit 1908 auf ein imposantes Bauwerk, das für Recklinghausen zu Beginn des 20. Jahrhunderts völlig neue städtebauliche Maßstäbe setzte. Bemerkenswert ist die Ortswahl: Anders als in vielen anderen Städten brachen Recklinghausens Stadtväter mit der urkundlich seit Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisbaren Standorttradition des Altstadtmarktes. Das monumentale neue Rathaus suchte buchstäblich „das Weite“: ein großflächiges Areal im Süden des historischen Stadtkerns, das keine Bezüge zu den Vorgängerbauten von 1256, 1505 und 1847 aufweist, entwickelte sich rasch zur ersten Adresse der Stadt.

Die Stadtverwaltung Recklinghausen, die ab 1890 eine wachsende Zahl von Dienstleistungen für eine rasant ansteigende Bevölkerung zu schultern hatte, benötigte immer mehr personelle und materielle Kapazitäten: Das war der Auslöser für den Rathausneubau. Hinzu kam das gestiegene Selbstbewusstsein der aufstrebenden, mittlerweile kreisfreien Industriestadt, die Anschluss suchte an „standesgemäße“ architektonische Repräsentationsformen der Kaiserzeit. Überdies sorgte eine wirtschaftliche Hochkonjunktur in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts für einen Bauboom in ganz Deutschland. Wegen dieses Wirtschaftswachstums und der gestiegenen Steuereinnahmen gab es bei den Kommunen volle Kassen und umfangreiche Investitionen. Die Bauzeit des Rathauses (1905-1908) fällt nicht von ungefähr in die Schlussphase dieser prosperierenden Wirtschafts- und Finanzperiode.

Im Oktober 1908 verwandelte sich die bis dahin größte Baustelle Recklinghausens in eines der schönsten Rathäuser des Ruhrgebietes. Die alte Hauptstadt des Vestes schenkte ihren Bürgerinnen und Bürgern eine der auffälligsten kommunalen Repräsentations- und Verwaltungsbauten im rheinisch-westfälischen Industrierevier. Das wuchtige, die kleinräumigen und idyllischen Dimensionen Alt-Recklinghausens sprengende Gebäude erhält auch insofern eine Bedeutung, als es eine späte Frucht der deutschen Neorenaissance anzusprechen ist. Deren eigentlicher Zenit lag nämlich schon zwischen 1870 und 1890; dieser Baustil hatte zu jener Zeit geradezu ein Monopol auf den Neubau von Rathäusern. Nach 1900 erlebt er auch eine letzte Blüte, das Rathaus in Lüttringhausen (1908), in Wetter (1909), in Treptow (1910), in Döbeln (1912) oder in Wittenberge (1914) sind ähnlich späte Beispiele.

Doch schon wenig später, mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges und den Krisen der 1920er Jahre, erlosch die Bautätigkeit der Städte und Gemeinden für viele Jahre nahezu völlig - nur gut, dass Recklinghausen noch in wohlhabenden Friedenszeiten den großen Wurf eines neuen Rathauses wagen konnte, das bis heute als bedeutendstes Symbol für die aufstrebende Bergbaustadt zu gelten hat.

„Das echte deutsche Rathausbild“

Historische Ansicht des RathausesIn den 1890er Jahren bildeten sich allmählich zwei „Grundtypen“ von Rathausneubauten heraus: zum einen der regelmäßige, symmetrisch und achsial geordnete, „systematische“ Bautypus mit dem Turm in der Mitte der Hauptfassade, zum anderen der unregelmäßig angelegte, asymmetrische oder gewinkelte „malerische“ Typ, bei dem die das „Rathausbild“ bestimmenden Grundelemente - Saalgiebel, Steildach, Uhrenturm - variabel in vorgegebene Grundstücks- und Bauverhältnisse eingepasst und zu einer abwechslungsreichen Fassadenansicht zusammengefügt werden konnten.

Die Alternative bestand demnach aus einem freistehenden, symmetrisch konzipierten Monumentalbau und einem kleineren, weniger strengen, „malerisch“ in eine bestehende Gebäudegruppe eingestellten Baukörper, der einen seitlich versetzten Turm aufweist. Die Wahl zwischen den Modellen war eine Frage des Anspruchs, der Größe, des Geldes, der städtebaulichen Bedingungen, aber auch des ästhetischen Geschmacks, über den sich der Magistrat einer Stadt, der Stadtbaurat und der Architekt einig werden mussten. Für das kleinstädtische Rathaus bevorzugte man den „malerisch“-asymmetrischen Typ; für größere Projekte, für die eine landesweite Ausschreibung und ein renommierter ortsfremder Architekt in Betracht kamen, blieb der achsial-symmetrische Bautyp vorherrschend.

Unverzichtbar für ein „deutsches“ Rathaus um 1900 wurden folgende Gestaltungselemente: Der quergestellte Längsbau, ein dreigeschossiger Baukörper, Erker, Loggien und Balkone, das Steildach, ein Saaltrakt mit einer Maßwerkfenstergruppe unter einem mehrfach geschweiftem Giebel, das Bürgermeisterzimmer oberhalb des Hauptportals und ein mächtiger Turm, der auf einem kubisch-geschlossenen Sockel ruht und nur der Anbringung der Uhr unterhalb eines Blendgiebels dient. Das Recklinghäuser Rathaus greift diese „Bausteine“ auf: Es entstand ein interessanter Mischtyp aus monumentaler, freistehender Konzeption und einem „malerisch“-asymmetrischen Baukörper.

Die Neorenaissance als typischer Ausdruck wilhelminischer Baukunst

Historisches Bild der Wendeltreppe im RathausSchon ab 1850 entstanden für die wirtschaftlich tragenden Schichten der Industriegesellschaft, für Bankiers, Unternehmer und Fabrikanten, schlossartige Villen, Landhäuser und Residenzen, die dem Baustil des 16. Jahrhunderts nachempfunden waren. Dieser hatte in Deutschland von der Dürerzeit bis zum Dreißigjährigen Krieg (1500-1618) prunkvolle Patrizierhäuser und eindrucksvolle Schlossbauten hervorgebracht. Berühmte alte Bauwerke in Lemgo, Hameln, Bückeburg, Detmold und Rinteln verkörpern die sog. Weser-Renaissance. Diese galt als typisch deutsch und damit wegweisend für die Architektur im wilhelminischen Kaiserreich.

In der „Gründerzeit“ ab 1871 besann sich auch die öffentliche Hand auf diese Spielart historisierenden Bauens. Man sah in einer neuen Renaissance-Architektur, die sich auf altdeutsche Wurzeln berufen konnte, den angemessenen Ausdruck für selbstbewusstes Wohnen, Leben und Arbeiten im Industriezeitalter: Bank- und Versicherungsgebäude, Bahnhöfe, Postämter, Schulen, Gerichte, Theater, Opern- und Krankenhäuser, Kasernen, Regierungs- und Verwaltungsgebäude, aber natürlich auch Rathäuser, oft an Ringstraßen, Boulevards und großen Plätzen gelegen, übernahmen diesen Trend auf breiter Front.

Durch ein einzigartiges Städtewachstum entstanden in ganz Deutschland zwischen 1850 und 1900 rund 200 neue Rathäuser. Der Architekt Müller-Jena fand für das neue Recklinghäuser Rathaus Vorbilder in Essen, Elberfeld, Leipzig, Hamburg, Hannover, Wiesbaden, Ingolstadt und Bielefeld. Reicher Fassadenschmuck, Figurennischen, Steildächer, hohe, verzierte und bekrönte Giebel, Türmchen, Türme oder Dachreiter mit großen Uhren sowie Erker, Loggien und Balkone gehörten unverzichtbar zum Bauprogramm. Die Stadt Recklinghausen machte es sich somit zum Ziel, der Bürgerschaft ein Rathaus zu schenken, das keinen Vergleich zu anderen Prachtbauten jener Zeit zu scheuen brauchte.
  
Das Rathaus in seiner „natürlichen“ Umgebung: Der Erlbruchpark als „englischer Landschaftsgarten“

Schon seit dem 18. Jahrhundert gehört zur Schlossarchitektur oft ein anmutig gestalteter Park, der einem romantischen Gefühl für das harmonische Zusammenspiel von repräsentativer Architektur und einer kunstvoll nachgebildeten natürlichen Landschaft entspringt. Diese Konzeption wurde zuerst in Großbritannien realisiert, daher die Bezeichnung „englischer Garten“, der die französisch-barocken Idee des geometrisch angelegten Kunstgartens überwinden soll.

Erlbruchpark hinter dem RathausDer „englische Gartenstil“ wird auch von bürgerlich-kommunalen Architekturvorstellungen des 19. Jahrhunderts rezipiert: Nur allzu oft muten ja die neuen Rathäuser im historistischen Baustil wie überdimensionierte Stadtschlösser an. Das ideale Bild des englischen Gartens ähnelt einem „begehbaren Landschaftsgemälde“, einer „Gemäldegalerie unter freiem Himmel“, die durch Teiche, gewundene Pfade und Rundwege, kleine Stege und Brücken, Einzelbäume oder Baumgruppen auf Wiesengründen in sanft gewelltem oder ansteigendem Gelände gekennzeichnet sind. Ruhepunkte bilden kleine Gebäude oder Sitzbänke mit weiten Blickachsen, z.B. in Richtung eines monumentalen Gebäudes. Bekannte Beispiele sind der „Englische Garten“ in München, die königlichen Schlossgärten in Potsdam, der von Goethe oft durchquerte Ilmpark in Weimar und der Rombergpark in Dortmund.

Mit dem Erlbruchpark reiht sich auch Recklinghausen in diese europäische Tradition ein. Wie der Kaiserwall und die prächtige Rathausfrontseite eine konzeptionelle Einheit bilden, so folgen auch die schöne Rathaussüdseite und die Parkanlage einem gemeinsamen ästhetischen Gedanken: Jahrhunderte lang war das morastige Erlbruch - ursprünglich eine Grundstücksschenkung des Kölner Erzbischofs an die Stadt Recklinghausen aus dem Jahr 1365 - eine vernachlässigte und gemiedene Örtlichlichkeit, nun aber verwandelt sich das Gelände in das Stimmungsbild eines lieblichen, pittoresken Ortes, der zum Verweilen einlädt.

Der Rathaus-Architekt Otto Müller-Jena

Müller-Jena (1875-1958) stammte tatsächlich aus dem thüringischen Jena. Seit etwa 1900 trat er in Köln als Architekt in Erscheinung, sein Markenzeichen war bis zum Ersten Weltkrieg das Bauen in historisierenden  Formen und aufwendig gestalteten Materialien. Um 1904 wurde nach seinen Plänen die Markthalle am Kölner Heumarkt errichtet, etwa zeitgleich auch das Gymnasium in (Essen-) Steele, das wie ein Vorentwurf zum Recklinghäuser Rathaus anmutet, 1910 das Rathaus in Gladbeck, ferner die Heilig-Kreuz-Kirche in Gladbeck-Butendorf. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er nur noch in Köln, vor allem im Bereich repräsentativer Fabrik- und Verwaltungsgebäude. Der damals bedeutendste deutsche Städteplaner, der Geheime Oberbaurat Hermann Josef Stübben aus Köln, machte sich beim Magistrat der Stadt Recklinghausen für den talentierten Nachwuchsarchitekten stark.

Müller-Jenas Pläne für das Recklinghäuser Rathaus, die 1904 als Sieger aus einem Architektenwettbewerb hervorgegangen waren und sogar die Bewerbung der bekannten Berliner Rathausarchitekten Reinhard und Süßenguth in den Schatten stellten, sind nicht eine „Jugendsünde“, sondern das frühe Meisterwerk eines noch wenig bekannten Baukünstlers, der ein prunkvolles Stück Stadtarchitektur im Stil der Neorenaissance errichten wollte.

Bezeichnete Müller-Jena sein Kölner Büro bis 1906 noch als „Atelier für Architektur und Bauausführung“, so wechselte er 1907 mit Einrichtung einer Recklinghäuser Filialniederlassung, seine offizielle Bezeichnung. Bereits im Herbst 1906 hatte Müller-Jena anlässlich einer Ausstellung des Bundes Deutscher Architekten in Köln das Modell des Recklinghäuser Rathauses der Fachwelt vorgestellt. Man darf vermuten, dass dieser Auftritt den beruflichen Durchbruch des 32-jährigen Baukünstlers nach sich zog. Müller-Jenas spektakulärstes Projekt, das prächtige neue Rathaus von Recklinghausen, wurde somit zu seinem persönlichen Markenzeichen und Aushängeschild. 

Das deutsche Rathaus im Kaiserreich: Ideologische Aspekte

In den Augen der Zeitgenossen hatte die große Zeit der deutschen Städte, das 16. Jahrhundert, das noch unverfälschte deutsche Wesen zum Ausdruck gebracht und die „deutsche Sitte und Kultur“ in eine besondere, letzte Blütezeit geführt. Auch in den Monumentalbauten jener Zeit erkannte man den Ausdruck vorbildlicher deutscher Schaffenskraft. Es galt daher als ein rechtmäßiges patriotisches Anliegen, an diese längst vergangene Epoche und ihre Architektur anzuknüpfen.

Kunstwerk Buerger tragen ihre Stadt vor dem RathausNeben diesem nationalpolitischen Aspekt gab es aber auch ein sozialgeschichtliches Motiv für die Errichtung prunkvoller historistischer Rathäuser: Das liberale Wirtschaftsbürgertum, der Schrittmacher der Industriellen Revolution, suchte ganz bewusst den Anschluss an eine Epoche, die durch die wirtschaftliche Macht des städtischen Bürgertums geprägt war und deren geistiges Klima nicht mehr allein durch Adel und Kirche dominiert wurde. Indem die neuen Rathausbauten die Stilformen der Frühen Neuzeit, insbes. die „deutsche“ Renaissance imitierten, verwiesen sie den Betrachter auf das Idealbild des altdeutschen Städtewesens, wie es nach Meinung der Zeitgenossen vor allem in den freien Reichsstädten des 16. Jahrhunderts verwirklicht werden konnte. Diesem historischen Machtanspruch des städtischen Bürgertums konnte die kommunale Selbstverwaltung im wilhelminischen Kaiserreich faktisch zwar nur wenig entsprechen, doch genügte den städtischen Eliten dieser Blick in die Geschichte, um in den Rathäusern einen für alle sichtbaren Selbstdarstellungsanspruch zur Geltung zu bringen.

Doch nicht nur politische Ambitionen, sondern auch die kulturelle Dominanz des Bürgertums sollte sich in den neuen Rathausbauten zeigen. Das deutsche Wirtschafts- und Bildungsbürgertum verstand sich als der eigentliche Träger des deutschen Nationalgedankens, der einen legitimen Bedarf nach einem historistischen Nationalstil in Kunst, Kultur und Architektur anmelden durfte. Auf diese Weise wurden die Rathäuser des Kaiserreiches auch zu groß dimensionierten Denkmälern bürgerlicher Kultur- und Wirtschaftsmacht.


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