
Das Jubiläum wurde am Dienstag, 28. November, im Sitzungssaal des schönsten Rathauses von Nordrhein-Westfalen unter dem Motto „Mit uns – nur so!“ gefeiert.
Oberstes Ziel der Ratskommission für Menschen mit Behinderung ist es, auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen, für das Thema zu sensibilisieren und die Stadt barrierefreier zu gestalten – ganz konkret beispielsweise durch Leitlinien für Blinde und Sehbehinderte an Straßen und auf Plätzen.
Die stellvertretende Bürgermeisterin Christel Dymke sowie Barbara Ehnert, Referentin für Behindertenangelegenheiten der Stadt Recklinghausen, begrüßten die rund 50 Gäste im Sitzungssaal und hoben die Bedeutung der Kommissionsarbeit für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe hervor. „Die Kommission hat in den vergangenen 25 Jahren tatsächlich gute Arbeit geleistet. Machen sie bitte weiter so. Ziel muss es aber eigentlich sein, das Gremium überflüssig zu machen. Dazu kann und muss aber auch die Politik einen Beitrag leisten“, sagte Dymke.
In einer Talkrunde beleuchteten Constanze Patorra (Schwerbehinderten-vertreterin im Polizeipräsidium Recklinghausen), Dirk Hellmann (Agentur für Arbeit), Dr. Cornelia Tollkamp-Schierjott (Blinden- und Sehbehindertenverein), Thomas Krämer (Vestische), Genia Nölle und Bettina Kollecker (Ruhrfestspiele) sowie Klaus Hermann (Leiter des Instituts für interkulturelle Begegnung und Integration „Die Brücke“) das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Moderiert wurde die Talkrunde von Hermann Böckmann, dem Leiter der städtischen Pressestelle. Was hat sich in den vergangenen 25 Jahren in der Stadt getan mit Blick auf Barrierefreiheit und Inklusion? Was hat die Ratskommission für Menschen mit Behinderung erreicht? Und welche Kooperationen sind künftig denkbar? Fragen wie diese wurden diskutiert.
Einig waren sich alle Teilnehmer*innen der Talkrunde, das in den vergangenen Jahren, auch wegen des Einsatzes der Kommission, in der Stadt viel passiert ist, in den kommenden Jahren aber noch genug zu tun sei. Konkret wurde zum Beispiel Thomas Krämer. Der Betriebsleiter der Vestischen berichtetete, dass das ÖPNV-Unternehmen gerade dabei sein, ein Leitsystem für Menschen mit Sehbehinderung zu installieren. Per Handy-App können sich diese an Haltestellen und Bussen dann dank moderner Technik besser orientieren.
Im Gespräch mit Hermann Böckmann blickte Gründungmitglied Heinz Waschhof zurück auf die Anfänge der Ratskommission, die Arbeit und die Entwicklung des Gremiums. „Profitiert haben wir bei der Gründung von Erfahrungen aus der niederländischen Partnerstadt Dordrecht, aber auch von der Bereitschaft der Verwaltung, sich auf allen Ebenen mit dem Thema Inklusion überhaupt zu beschäftigen. So wurde vor der Gründung zur Vorbereitung ein Workshop mit Vertreterinnen und Vertretern aus allen Verwaltungsbereichen durchgeführt“, erinnerte sich der ehemalige Leiter der Diakonie-Werkstätten.
Barbara Ehnert ehrte im Rahmen der Jubiläumsfeier vier Gründungsmitglieder der Ratskommission für Menschen mit Behinderung: Christel Meuter, Willi Homann, Norbert Große-Hüls und Uwe Trogant. Das Quartett engagiert sich seit einem Vierteljahrhundert und auch weiterhin in der Ratskommission für die Belange von Mitbürger*innen mit Behinderung.
Stella Scholaja bereicherte den Nachmittag mit Gesang. Der gehörlose Comedian Okan Seese sorgte für gute Laune im Saal, gab den Gästen aber zugleich eine ganze Reihe von Denkanstößen mit auf den Weg.
Die Recklinghäuser Ratskommission für Menschen mit Behinderung
Die Anfänge:
Der Anstoß zu einer verstärkten Kooperation der Träger und Vereine im Bereich der Behindertenarbeit erfolgte im Herbst 1997, als eine Delegation von Vertreter*innen verschiedener Behindertengruppen aus der niederländischen Partnerstadt Dordrecht Recklinghausen besuchte. Willem van Leuwwen, selber Vater einer behinderten Tochter, gab den städtischen Vertretern erste Impulse, auf kommunaler Ebene eine Behindertenvertretung zu manifestieren.
Auf Einladung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes trafen sich im März 1998 Vertreter*innen der örtlichen Organisationen im Gehörlosenzentrum Recklinghausen zu einem ersten Gespräch über die Dordrechter Praxisbeispiele und die Möglichkeiten, die Zusammenarbeit der verschiedenen Behindertenorganisationen und Träger der Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in der Stadt Recklinghausen zu intensivieren.
In der Folgezeit regte diese gegründete Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderung an, dass die Stadt eine Aufstellung über Behindertenorganisationen erstellen sollte. Noch im selben Jahr ergänzte die CDU-Ratsfraktion diese Initiative durch einen Antrag auf eine Bestandsaufnahme öffentlicher und privater Einrichtungen hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit für Behinderte. Im September 1999 ergänzte die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen die Initiativen der Arbeitsgemeinschaft durch einen Antrag auf Einrichtung eines Behindertenbeirates. Der Rat der Stadt Recklinghausen beschloss am 19. Juni 2000 die Bildung der Ratskommission für Menschen mit Behinderung, die am 26. Oktober 2000 ihre Arbeit aufnahm. Erster Vorsitzender des Gremiums war Rolf Tanski (CDU).
Die Ratskommission begann ihre inhaltliche Arbeit mit einem Workshop „Behindertenfreundliche Stadt Recklinghausen“. Aus den gesammelten Vorschlägen wurden die „Leitsätze behindertenfreundliche Stadt Recklinghausen“ entwickelt, die im Mai 2001 vom Rat der Stadt Recklinghausen beschlossen wurden.
Die Ratskommission arbeitet eng mit der Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderung zusammen. Um die Behindertenforen zu koordinieren wurde im Juni 2001 das Referat für Behindertenangelegenheiten eingerichtet. Seitdem liegt die Geschäftsführung der Ratskommission und die eigenständige Gestaltung des Aufgabenfeldes aus städtischer Perspektive in den Händen der Referentin für Behindertenangelegenheiten.
Zusammensetzung und Tätigkeitsschwerpunkte:
Der 16-köpfigen Kommission gehören an: Sieben Ratsvertreter*innen, vier Verbandsvertreter*innen, vier Betroffenenvertreter*innen und ein*e Vertreter*in der Selbsthilfegruppen. Jedes Mitglied hat einen Stellvertreter.
Ziele der Kommissionsarbeit:
Die Beteiligung von Menschen mit Behinderung an Diskussions- und Entscheidungsprozessen und die Vertretung ihrer Anliegen gegenüber Rat und Ratsgremien sowie der Öffentlichkeit
Die Anregung von und die Einflussnahme auf städtische und sonstige Projekte zur Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderung sowie das Aufgreifen konkreter Probleme, soweit deren Lösung im städtischen Zuständigkeitsbereich liegt
Die Ratskommission für Menschen mit Behinderung hat das Recht, sich mit allen Angelegenheiten zu befassen, bei denen die Interessen von Menschen mit Behinderung berührt sind. Sie soll an der Beratung aller Angelegenheiten beteiligt werden, bei denen die Interessen von Menschen mit Behinderung berührt sind. Sie hat ein Antrags- und Anfragerecht an den Rat und die Ausschüsse.
Pressefotos:
Unter Leitung von Moderator Hermann Böckmann (4. v. re.) diskutierten (v.li.): Genia Nölle, Barbara Ehnert, Bettina Kollecker, Constanze Patorra, Dr. Cornelia Tollkamp-Schierjott, Thomas Krämer, Klaus Herrmann und Dirk Hellmann. Foto: Stadt RE
Für 25 Mitarbeit in der Kommission ehrte Barbara Ehnert die Mitglieder Christel Meuter, Uwe Trogant, Willi Homann und Norbert Große-Hüls (v.li.). Foto: Stadt RE